Afrikanische Pflanzen sind kein Rohstoffpool

Afrikanische Pflanzen spielen in der Hautpflege eine immer größere Rolle. Dieser Artikel beleuchtet, warum Herkunft, Wissen und Wertschöpfung dabei nicht ausgeblendet werden dürfen – und weshalb Verantwortung früher beginnt als bei der Lieferkette.

Fabienne Loureiro

1/2/20263 min read

Über Herkunft, Verantwortung und Kontext in der Hautpflege

Afrikanische Pflanzen tauchen heute in immer mehr Pflegeprodukten auf. Shea, Baobab, Moringa, Marula – oft aufgelistet wie Zutaten, austauschbar, verfügbar, exotisch aufgeladen. Was dabei häufig fehlt, ist Kontext. Nicht im Sinne von Storytelling, sondern im Sinne von Zusammenhängen:
ökologisch, wirtschaftlich, historisch.

Dieser Artikel ist ein Versuch, genau dort anzusetzen: nicht bei Inhaltsstoffen, sondern bei Herkunft, Nutzung und Verantwortung.

Wenn Herkunft zur Marketingkulisse wird

Viele Marken sprechen von „afrikanischen Inhaltsstoffen“, ohne zu benennen, woher sie stammen, wie sie genutzt werden oder in welchem Zusammenhang sie stehen. Afrika erscheint dabei oft als Projektionsfläche: reich an Rohstoffen, arm an Differenzierung.

Doch Pflanzen sind keine neutralen Ressourcen. Sie sind eingebettet in Ökosysteme, Alltagspraktiken, Wissenssysteme und wirtschaftliche Realitäten. Wer mit ihnen arbeitet, arbeitet nicht nur mit Materie – sondern mit Beziehungen.

Pflanzenwissen ist regional, nicht abstrakt

Afrikanisches Pflanzenwissen ist kein einheitliches System. Es ist regional, lokal, klimatisch geprägt. Die gleiche Pflanze kann in verschiedenen Regionen völlig unterschiedliche Bedeutungen haben:
als Nahrungsmittel, als Heilpflanze, als Schutz, als Nebenprodukt – oder gar keine Rolle spielen. Wer all das unter dem Label „afrikanisch“ zusammenfasst, verliert genau das, was dieses Wissen ausmacht: Kontext.

Rohstoffextraktion und Machtverhältnisse

Die Art und Weise, wie afrikanische Rohstoffe global genutzt werden, ist kein neutraler Prozess.
Über Jahrzehnte – und bis heute – folgt sie häufig einem bekannten Muster: Rohstoffe verlassen den Kontinent möglichst früh, während Wertschöpfung andernorts entsteht.

Dieses System ist historisch gewachsen und wirkt bis in die Gegenwart fort. Es hält wirtschaftliche Abhängigkeiten aufrecht und verfestigt Machtverhältnisse, in denen lokale Akteure oft Zulieferer bleiben, statt Gestalter zu sein.

Einige Länder in Westafrika reagieren darauf. Es gibt politische Bestrebungen, den Export unverarbeiteter Rohstoffe stärker zu regulieren, um mehr Verarbeitung und Wertschöpfung im Land zu halten. Diese Maßnahmen sind nicht einheitlich und nicht dauerhaft – sie zeigen jedoch, dass das bestehende System zunehmend hinterfragt wird.

Verantwortung beginnt vor der Lieferkette

Verantwortung beginnt nicht bei Zertifikaten oder Preismodellen. Sie beginnt bei der Frage, warum ein Rohstoff genutzt wird und wie er verstanden wird.Ist seine Nutzung eingebettet oder aufgesetzt?
Ist er ersetzbar oder kontextgebunden? Schafft er langfristige Abhängigkeiten oder neue Handlungsspielräume? Nicht jeder Rohstoff eignet sich für jede Idee. Und nicht jede Idee rechtfertigt die Nutzung eines Rohstoffs.

Kein Rohstoffpool, sondern Beziehung

Afrikanische Pflanzen sind kein globaler Rohstoffpool, aus dem man sich je nach Trend bedienen kann. Sie sind Teil lebendiger Systeme. Ihre Nutzung hat Auswirkungen – auch dann, wenn sie als nachhaltig oder fair bezeichnet wird. Verantwortung bedeutet hier nicht, alles richtig zu machen. Sondern bewusst zu entscheiden, zu begrenzen, und manches auch nicht zu tun.

Wissen wandert – aber nicht ohne Richtung

Wissen darf sich bewegen. Es darf geteilt, weiterentwickelt, angepasst werden. Aber Wissen wandert nicht neutral. Es braucht Richtung, Respekt und Rückbindung. Wenn afrikanisches Pflanzenwissen global genutzt wird, darf Afrika nicht nur Herkunft sein, sondern Akteur. Nicht als Bild, sondern als Teil der Entscheidung.

Aminata Glow versteht sich nicht als Marke, die bereits am Ziel ist. Wir befinden uns selbst in einem Lernprozess. Mittelfristig ist es unser Ziel, Abfüllung, Verpackung und Etikettierung vor Ort umzusetzen – gemeinsam mit lokalen Akteuren in Gambia und Ghana. Nicht als Symbol, sondern als strukturelle Veränderung. Derzeit erfolgen diese Schritte noch in Deutschland. Nicht aus Prinzip, sondern weil Prozesse, Qualitätsstandards und Logistik erst verstanden und stabil aufgebaut werden müssen.

Verantwortung heißt für uns auch, nichts zu versprechen, was wir noch nicht verlässlich umsetzen können. Erst wenn Systeme funktionieren und Wissen geteilt ist, macht eine Verlagerung Sinn – wirtschaftlich wie praktisch.

Veränderung ist ein Prozess

Dekolonisierung von Wertschöpfung geschieht nicht durch Haltungstexte. Sie geschieht schrittweise, durch Entscheidungen, die Zeit brauchen.

Nicht alles lässt sich sofort verändern.
Aber alles lässt sich mitdenken.

Fazit

Afrikanische Pflanzen sind kein Trendarchiv und kein Rohstofflager. Sie sind Teil komplexer Zusammenhänge. Wer mit ihnen arbeitet, trägt Verantwortung – nicht nur für Qualität, sondern für Kontext.

Pflege beginnt dort, wo Herkunft ernst genommen wird.